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2018/10/02

Matze Rossi Duo - Audiolodge Studio Gaibach (22.09.2018)

Auf Empfehlung einer Freundin bin ich vor etwas mehr als einem Jahr auf Matze Rossi aufmerksam geworden und wünschte mir sehnsüchtig ihn eines Tages - am liebsten akustisch in einem kleinen Club - live zu erleben. Als könne er Gedanken lesen, kündigte er wenige Tage vor meinem Geburtstag zwei exklusive Konzerte an: 

"Ganz spontan stehen zwei exklusive Studio-Mini-Konzerte an. Am 22.09.2018 werde ich zusammen mit meinem guten Freund Martin Stumpf im Studio Audiolodge Gaibach (bei Volkach/Würzburg) ein Live Studio Album aufnehmen und die neuen und großartigen Duo-Versionen von der "Musik ist der wärmste Mantel"-Tour festhalten. Wir rutschen zusammen und können es 2x25 Menschen kuschelig bequem machen."

Tatsächlich konnte ich mir einen der begehrten Plätze für das 19 Uhr Konzert sichern. Der Wunsch dabei zu sein war groß, die Zweifel leider auch. Erst kürzlich hatte ich mein zweites Kind zur Welt gebracht. Einerseits hätte ich meine Tochter am liebsten im Tragetuch mitgenommen, um meinem Mann nicht so viel aufzubürden. Andererseits musste ich ehrlich zu mir sein: Der optimale Ort für ein Baby wäre das Konzert in einem kleinen Tonstudio nicht. Noch am Tag des Konzerts überlegte ich, ob ich mir diese einmalige Gelegenheit besser entgehen lassen solllte. Die Entscheidung wurde mir schließlich von meinem Mann abgenommen, der sich zutraute beide Kinder für eineinhalb Stunden zu übernehmen.

Nach einem Abstecher auf dem Weltkindertag in Fürth machten wir uns gemeinsam auf den Weg in das gut eine Stunde von uns entfernte Gaibach. Obwohl Matze Rossi die Anfahrt in seiner Mail vorab gut beschrieben hatte, verfehlten wir die Einfahrt auf dem Gipfel des Hügels. Also nochmal wenden und zurück zu dem scheinbar verlassenen Haus, hinter dem ich wirklich kein Tonstudio vermutet hätte. Einzig das Dixi Klo verriet, dass ich richtig war. Martin Stumpf wartete bereits am Eingang des gemütlichen, hübsch dekorierten Raums. 

"Lass den Horizont dein Zuhause sein. 
Du bist hier nicht gefangen."

Da ich sozusagen pünktlich auf die letzte Minute war, ging es auch schon - kurz nachdem ich meinen Platz eingenommen hatte - los. Bereits ab dem ersten Lied war mir klar: Dieser Künstler wird mich mit seiner Musik in diesem Lebensjahrzehnt wohl sehr intensiv begleiten. Seine Texte treffen genau meinen Nerv, ich höre Themen raus über die ich mir selbst immer wieder Gedanken mache: wie den Sinn des Lebens und die Achtsamkeit mit dem Wesentlichen - positiv und lebensbejahend:

"Und ich weiß ganz genau, was es ist,
was mich aufstehen und weiterkämpfen lässt:
Die Liebe, die Musik und das Leben
sind viel zu schön, um aufzugeben."

Die Kinder im Publikum stellten sich später als seine eigenen und die von Freunden heraus, was die beeindruckende Textsicherheit erklärte. Ebenfalls textsicher war das junge Paar rechts von mir. Sie erinnerten mich an die Zeit als mein Mann und ich noch kinderlos waren und wir theoretisch öfter spontan Konzerte besuchen konnten, es nicht so aufwendig war sich ins Auto zu setzen und mehrere hundert Kilometer zurückzulegen. Gern hätte ich dieses einzigartige Konzerterlebnis in Gaibach mit ihm geteilt. Noch lieber hätte ich auch noch meine Kinder dabei gehabt. Ja, wir haben schon schöne Konzerte mit unserem Sohn besucht. Das Sonnenaufgangskonzert von Gisbert zu Knyphausen oder Folk im Park (2015 | 2017) in Nürnberg. In der Regel ist es aber ein größerer Aufwand und wie oft hat uns die Vernunft geraten, es zu lassen. 

"Ja das Leben kann so einfach sein, wenn du es genießt."

Während ich also leicht wehmütig zu dem Pärchen und wieder zurück zu den Kindern vor mir blickte, kam eine Sehnsucht auf eines Tages auch so wunderbare Konzerte mit meinen dann älteren Kindern zu erleben: Sie guten Gewissens auf Konzerte mitzunehmen und zu sehen wie sie mit genauso einer Freude an der Musik begeistert mitsingen wie die Kinder es in der ersten Reihe aus voller Leidenschaft taten. Bis dahin genießen wir einfach diese wunderbaren und unbezahlbaren Momente abseits der Konzertsäle mit ihnen. Zurückdrehen möchte ich die Zeit jedenfalls auch nicht mehr...

"Wovon sollen wir leben. Von Luft und Liebe vielleicht?
Wenn wir damit glücklich sind, bin ich mir sicher, dass es auch reicht."

Für zwei Lieder holte Matze Rossi zum Schluss seine Tochter Nora ("Und jetzt Licht bitte") und anschließend Levi ("Kein Zweifeln und Bedauern"), den Sohn von Freunden, auf die Bühne. Für mich zwei absolute Gänsehaut-Momente. Ich musste daran denken, dass Nora auch mal so klein war wie unsere neu geborene Lisa - und nun stand sie da auf der kleinen Bühne und sang mit dem stolzen Vater ein Duett. Martin Stumpf bewies dabei übrigens wie schnell er neue Lieder lernen kann. Ein wahres Multitalent.

Insgesamt dauerte das Konzert inklusive wunderbar persönlichen Ansagen gut 80 Minuten am Stück. Bei jedem Song sang das Publikum spätestens beim Refrain begeistert mit. Ich freue mich sehr auf den Zusammenschnitt, der auf einem Live Album voraussichtlich ab 30.11.2018 zu erwerben sein wird. Dann kann ich die Erinnerungen an diesen schönen Abend lebendig werden lassen und keiner kann mir meine neuen Lieblingslieder mehr nehmen, bei deren Aufnahme ich live dabei war:

"Und wenn ich mit ihnen allein zu Hause bin,
kann ich tanzen und singen, grinsen und weinen,
in Gedanken versunken und in Träumen verweilen."

Was für ein großartiger Wortkünstler und Musiker.

2018/02/14

Gisbert zu Knyphausen - HsD Erfurt (03.02.2018)

Ist es Zufall oder Schicksal? Oder ist der Tourplaner von Gisbert zu Knyphausen womöglich doch FSV Zwickau Fan? Bereits im Sommer konnten wir das Auswärtsspiel in Meppen mit dem Sonnenaufgangskonzert auf der Sparrenburg in Bielefeld verbinden. Nun spielte Gisbert am Samstag Abend in Erfurt. Das Auswärtsspiel des Lieblingsvereins meines Mannes war auf Sonntag Nachmittag im Steigerwaldstadion terminiert. Schnell war ein Hotel in der Innenstadt reserviert - als ich dann noch enge Freunde aus Dortmund - die wir auch schon in Bielefeld im Tierpark trafen - für das Konzert begeistern konnte, war der Plan perfekt.

Ein Wiedersehen in Erfurt: Ein wundervoller Kurztrip stand uns bevor und weil die Stadt mich mal wieder so beeindruckt hat, muss ich etwas ausholen: Nach der Ankunft im Hotel am Kaisersaal - nur eine Gehminute von der Krämerbrücke entfernt - spazierten wir zunächst am Kikaninchen vorbei zu den Füchsen, wo wir leckeren Kaffee und eine Brotzeit mit Altenburger Suppe zu uns nahmen. Um fünf hatten wir dann schon einen Tisch im Gasthaus Feuerkugel reserviert. Ich war beeindruckt wie zuvorkommend der Kellner war und wie selbstverständlich er nahezu jeden Wunsch von den Lippen ablas. Ein Lokal, in dem Qualität wie Preise stimmen und auch die Kinderfreundlichkeit groß geschrieben wird. 

Anschließend verweilten wir noch beim Straßenmusiker vor der Krämerbrücke. Eine Familie tanzte, ein Einwohner legte eine schräge Choreographie hin. Mitten im Winter wurde mir in der thüringischen Landeshauptstadt warm ums Herz - es fühlte sich fast an wie in einer lauwarmen Sommernacht. Aber eben nur fast, denn sonst hätten wir dort sicherlich noch Stunden verweilen können - bevor wir gemütlich an den Schaufenstern der Krämerbrücke vorbeischlenderten...

Noch ein kurzer Abstecher ins Hotel, um unsere Tickets zu holen und schon machten wir uns auf den Weg zum Gewerkschaftshaus. Wie froh ich war, meine Begleiter dabei zu haben. Mit Googlemaps war dieser Ort gar nicht so leicht zu finden und für einen zehnminütigen Fußweg irrten wir gut zwanzig Minuten durch die Gegend: durch Möhrenstraßen, die eigentlich Mohrenstraẞen waren - und ließen uns von Museen für Volkskunde und Gesundheitsämtern in die Irre führen..

Im Hintereingang vom letzteren waren wir dann schließlich richtig und passierten pünktlich zum Beginn der Vorband den Einlass. Mark Berube gefiel mir stimmlich ganz gut, begleitet wurde er von Cello und teilweise Posaune. Während seines 40 minütigen Auftritts versuchte der Kanadier sich auch an deutschen Ansagen, was sehr sympathisch rüberkam. Das Erfurter Publikum empfand ich unter dessen als rücksichtsvoll, da wurde nicht gedrängelt oder geschubst, sondern noch freundlich gefragt oder angestubst, wenn man vorbei wollte. Da es nicht ausverkauft war, war es aber wohl sowieso luftiger als ich es bei Kettcar in Erlangen erlebt hatte. 

Kurz nach neun betrat Gisbert dann die Bühne. Ich traue es mir kaum zu sagen, aber: Die ersten Lieder enttäuschten mich. Vorwiegend Lieder aus seinem neuen Album, darunter auch das wunderbare "Unter dem hellblauen Himmel". Das Album wirkt auf mich ruhig und besinnlich, weckt in mir Assoziationen an einen Herbstspaziergang. Gisberts unverwechselbare Stimme ist dort stets im Vordergrund. Live wirkte sie nun fast etwas angegriffen von der langen Tour. Zudem übertönte die Band ihn - mir persönlich war es zu laut, die Akustik wirkte noch nicht ganz ausgefeilt.

Der Kid Kopphausen Song "Das Leichteste der Welt", den ich so liebe - und bei dem auch das Erfurter Publikum unglaublich abging -, hatte auf der Sparrenburg so viel mehr Charme. Da war ich noch gespannt wie Gisbert am Ende Bass und Schlagzeug nur mit seiner Gitarre imitieren wollte. Rückblickend beeindruckte er mich mit dieser Reduktion auf das Wesentliche viel mehr als mit kompletter Band auf der Bühne. "Sommertag" hatte ich dagegen in Bielefeld vermisst und hier passte der "Krach", weil es eben ein sehr impulsives Stück ist.

Erst als er nun auch in Erfurt mehr und mehr reduzierte und die Lieder begannen akustischer zu klingen, erkannte ich wieder den Gisbert wegen dem ich so gern zu diesem Konzert wollte. Zum Beispiel bei "Ich bin ein Freund von Klischees und funkelnden Sternen" und "Dreh dich nicht um" aus dem Vorgängeralbum. Für "Kommen und gehen" - dem Lied, das mir emotional besonders nah geht, beschränkte sich Gisbert sogar nur auf das Piano. "So seltsam durch die Nacht"- von Gisbert als weiterer alter Schinken angekündigt - punktete bei mir durch den Einsatz der Melodika. Zwischendurch mit "Neues Jahr" und "Wer bin ich" leider wieder zwei Stücke, die ich eigentlich sehr mag, mir live jedoch zu überdröhnt wirkten. Dafür überzeugte mich bei "Keine Zeit zu verlieren" das Zusammenspiel der Band, bestehend u. a. aus Bass, Trompete, Posaune und Schlagzeug.

Wer Gisbert live besucht, sollte keine großen Ansagen erwarten - umso mehr gibt es gute Musik am Stück. Einmal kommentierte er, dass er froh über die defekte Heizung sei, weil sonst alle dahinschmelzen würden. Auf einen Kommentar im Publikum reagierte er dann mit der Bescheidenheit, die ich so an ihm mag und zeigte auf seine Band: "Ja klar, bei diesen charmanten Herren auf der Bühne". Später verwies er den geselligen Kaffeeklatsch aus der ersten Reihe freundlich aber deutlich an die Bar, weil ihn das Gequatsche irritieren würde. Eine Thüringer Schnauze neben uns ließ es sich nicht nehmen, diese Aktion später aufzugreifen als sein Kumpel zu reden anfing: "Geh doch in die erste Reihe, wenn du quatschen willst".

Vom neuen Album spielte Gisbert bis auf das instrumentale Stück wirklich alles. Somit hätte ich mir vielleicht noch das ein oder andere Lied aus den Vorgängeralben gewünscht. Insgesamt war ich mit der Auswahl aber doch sehr zufrieden. Insbesondere bei der zweiten Zugabe "Etwas besseres als den Tod finden wir überall", kam bei mir wieder Wehmut auf, die Band Kid Kopphausen nie live mit Nils Koppruch erlebt zu haben. Immerhin kam auch an diesem Abend rüber, wie viel Freude es Gisbert macht mit den Leuten auf der Bühne zu stehen, die er sich für diese Tour ausgewählt hat.

"Wir sehen uns wieder ganz bestimmt. Irgendwann."

Momentan kann ich mir ein weiteres Konzert mit Band in einem Saal nicht vorstellen - am ehesten vielleicht wieder in ein paar Jahren auf dem Heimspiel Knyphausen in Eltville (wie 2014). Im Sommer war ich noch gespannt, bald wieder den Kontrast mit Band zu erleben. Im Nachhinein haben mir die Interpretationen mit Vibraphon besser gefallen - dafür spielte er in Erfurt ein gutes Stück länger als auf der Sparrenburg. Nach fünf Zugaben beendete Gisbert das Konzert um 22:50 Uhr mit "Haus voller Lerchen".

Wegen einer wirren Idee warteten wir auf Empfehlung von Michael Flury (Posaune) noch Backstage. Erwischt haben wir dann nur den Mann mit Hut (Martin Wenk, Trompete), der uns leider auch nicht helfen konnte. Noch einmal "Backstage" geklingelt, mussten wir die Aktion mangels eines verfügbaren Stifts schließlich für gescheitert erklären. Halb so schlimm, nur kalt war es.

Nach einem gemütlichen Hotel-Frühstück am Sonntag, das kaum einen Wunsch offen ließ, verbrachten wir fast den ganzen Tag schlemmend in Erfurt: erst probierten wir uns beim Eiskrämer durch, dann ließen wir uns leckeren Kuchen in der Goldhelm Werkstatt schmecken. Die drei Auswärtspunkte für Zwickau waren schließlich das Sahnehäubchen. 

Ein Tag Frühling - MS Stubnitz Hamburg (27.01.2018)

Mit dem Zug quer durch die Republik. Zum einen um unseren Freund Dirk von Flockes Plattenkiste wiederzusehen. Zum anderen um gute Live-Musik auf dem Songwriter Festival "Ein Tag Frühling" zu erleben, insbesondere unsere Wohnzimmerband vom Frühling 2017: Liza & Kay.

Ein Festival auf einem Schiff... das klang schon sehr speziell. Die Tatsache, dass es bereits nachmittags los ging, ließ mich annehmen, dass nicht wenige Familien mit Kindern die Veranstaltung besuchen würden. Als wir nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf unseres Sohnes gegen fünf das Schiff betraten, kam die Ernüchterung. Alles andere als kindgerecht - von den Kombüse ging es sehr tief runter in den Laderaum, ein Fehltritt hätte genügt... Und somit waren es nur ein, zwei weitere Eltern von Kleinkindern, die wir wahrnahmen.

Nicht falsch verstehen: ich erwarte gar nicht, dass ein Musikfestival für Erwachsene bitteschön auch kindgerecht sein muss. Die Verantwortung liegt klar bei den Eltern. Es war einfach nur schade, weil ich eine andere Erwartungshaltung im Kopf hatte und die räumlichen Gegebenheiten uns etwas mehr als sonst in Atem hielten. Nun wissen wir es besser und ein zweites Mal würde ich dieses Festival nicht mit Kleinkind besuchen. Wenn wir schon bei der Infrastruktur sind: die Toiletten waren für mich leider keine Option - die Sauberkeit wäre okay gewesen, nur waren sie zu hoch für mich. Alternativen gab es nicht und so galt es durchzuhalten bis wir in der Nacht wieder das Hotel erreichen würden.

Angesichts dessen, dass wir uns im Vorfeld noch darüber unterhalten hatten, dass das kulinarische Angebot nicht für jeden Magen gut verträglich ist, war das mit den Toiletten aber schon ein ziemliches Manko. Letztendlich vertrugen die Männer die Chili con carne gut, mein Falafel war auch sehr lecker und mein Sohn war glücklich mit seinen Pommes. Die Preise waren in Ordnung, 2 Euro zzgl.  Pfand für ein alkoholfreies Getränk empfand ich zum Beispiel als sehr fair.

Nun aber zum Wesentlichen: der Musik. Den meisten Bands konnte ich nicht die volle Aufmerksamkeit widmen, doch das bin ich mit Kleinkind gewohnt. So rauschten die Stunden so an mir vorbei, stets mit guter Live-Musik im Ohr, aber nicht so, dass ich detailliert von den halbstündigen Auftritten jedes Künstlers berichten könnte. Vivie Ann kannte ich schon - auf dem Reeperbahnfestival 2016 hatte ich ihr Akustik-Set in der Kaffeerösterei kopiba miterlebt. Stimmlich konnte sie mich wieder voll überzeugen, vor allem die Trommel als wiederkehrendes Element in ihren Liedern begeistert mich jedes Mal.

Poems of Jameiro feilten eine gute halbe Stunde lang an ihrem Soundcheck - für einen halbstündigen Auftritt stand das für mich nicht im Verhältnis, auch wenn sich ihre Musik lohnte. Trotzdem ärgerte es mich, dass sich der Zeitplan immer weiter nach hinten verschob, am Ende sogar um eine Stunde. Zumal wir den Zeitdruck hatten, die letzte Bahn zu erwischen (was wir laut ursprünglichem Plan locker geschafft hätten) und auch nicht wussten, wie lange unser Sohn mitmachen würde.

Wen hörten wir noch? Jörn und Lerch hatte ich am Anfang eher am Rande mitbekommen, Van Deyk waren mir bis auf ihre sehr schöne akustische Zugabe zu überdröhnt. Small Fires hörten wir während wir in den Kombüsen beim Essen saßen - gefiel mir richtig gut. Valentine bleib mir mit ihrem Rap in Erinnerung, das hatte was. Vom Poetry Slam bekam ich noch halbwegs das Finale mit, die Texte konnten mich persönlich nicht ganz so überzeugen.

Gegen zehn begann dann Tim Jaacks. Seinen Namen hatte ich schon gehört, wusste dass er auch bei Liza & Kay in der Band spielt. Für mich war er die Neuentdeckung an diesem Tag. Für die Texte war ich um diese Zeit zwar nicht mehr ganz so aufnahmefähig - seine klare Stimme hat mich jedoch überzeugt.

Und dann war es endlich soweit: für mich der Höhepunkt des Abends - Liza & Kay begannen mit dem Soundcheck. Unser Sohn Paul erkannte Liza, und rief immer wieder nach ihr. Die letzten Zuckungen ehe er dann inmitten des Sets einschlief. Ich war ebenfalls müde und mit meinem Kinosessel eins geworden. Dennoch gaben Liza & Kay ihr Bestes das Publikum wach zu rütteln und mindestens ein breites Lächeln in die Gesichter zu zaubern. Bei jedem Lied interagierten sie gut gelaunt mit dem Publikum - bei "Ohrwurm" sprangen sie in die Menge. Es machte einfach Spaß ihnen zuzusehen und zuzuhören.

Anschließend lauschten wir noch ein paar Songs von Elin Bell und Rabea - letztere kannten wir bisher nur als Cellistin an der Seite von Linda Rum. An diesem Abend sang sie nun selbst und wir waren wirklich beeindruckt von ihrer starken Stimme. Ich freue mich in den nächsten Jahren noch mehr von ihr zu hören.

Als wir dann zur U-Bahn aufbrechen mussten, kam uns Kay noch entgegen, fragte wie es uns gefiel und erzählte von den Plänen in den nächsten Wochen. Liza entdeckten wir auch noch in den Kombüsen. Dirk fasste diesen Moment so schön zusammen, dass ich ihn an dieser Stelle zitieren möchte: "Als wir Samstag gegangen sind, war wie sich von Freunden verabschieden." Und wirklich: Die beiden gehören zu den herzlichsten Menschen, die ich je kennenlernen durfte - nachzulesen auch im etwas anderen Konzertbericht auf Flockes Plattenkiste.

Insgesamt ist es ein wirklich schönes Festival für Freunde von Songwriter Musik. Selten gibt es Gelegenheit so viele gute Musiker vom Nachmittag bis in die Nacht zu erleben, schon gar nicht im Winter. Wer ohne Kind teilnimmt, größer als 1,60 ist oder im Stehen pinkeln kann, wird den Charme dieser außergewöhnlichen Location bestimmt noch etwas mehr zu schätzen wissen und einen entspannten Tag unter Deck erleben.

2018/02/02

Kettcar - E-Werk Erlangen (24.01.2018)

Kettcar. Eine grenzenlose Liebe. Von 2009 - 2013 hatte ich sie einmal im Jahr live erlebt. Zuletzt im Serenadenhof mit Gästelistenplatz als Dankeschön für das Flyerverteilen am Eingang. Nach dem wirklich großartigen Konzert kam ich zu dem Schluss, dass ich vielleicht doch mal zwei, drei Jahre verstreichen lassen sollte. Das fiel nicht schwer, machten sie doch mehr oder weniger selbst eine Pause. Marcus Wiebusch war solo unterwegs - zumindest ihn sah ich dann auch 2014 beim Visions 25th Anniversary wieder live. 

Viereinhalb Jahre Pause waren nun aber wirklich eine lange, lange Zeit und der Wunsch eine der besten Live-Bands Deutschlands wiederzusehen wurde immer größer: Am 24. Januar 2018 war es endlich soweit. Einen Tag zuvor war Gisbert zu Knyphausen im E-Werk aufgetreten, einen Tag danach hatten sich Gloria angekündigt. Meiner Meinung nach eine ungünstige Terminplanung. So berichtete mein Mann vom Gloria Konzert, dass sich die Künstler zum Teil wohl die Besucher weggenommen hätten. Es kann sich eben nicht jeder leisten in einer Woche zwei oder gar drei Konzerte zu einem Ticketpreis von je 30 Euro zu besuchen. Kettcar blieben davon unbeeindruckt: seit Dezember war das Konzert ausverkauft. 

Pünktlich sollte man sein, hatte das E-Werk auf Facebook empfohlen. Auch wenn das Konzert schon länger ausverkauft war, sah ich dennoch nicht ein, eine Stunde vor Beginn der Vorband da zu sein. Kurz bereute ich meine Entscheidung als ich etwa dreiviertel acht in die Engelstraße einbog und die Menschenschlange sah. Doch ganz ehrlich: Wozu soll ich eine Stunde eher da sein, um mir einen super Platz zu sichern und diesen dann zehn Minuten nach Konzertbeginn wegen Hunger, Durst, schlechter Luft oder anderen Bedürfnissen verlassen zu müssen...

Und so musste ich - wie viele andere -  zunächst damit vorlieb nehmen an den offenen Türen einen Blick auf die Bühne zu erhaschen. Die Dame hinter mir hatte nicht ganz unrecht als sie sagte "Ich verstehe nicht, wie man so viele Leute reinlassen kann." Tatsächlich würde ich mir wünschen für 30 Euro einen Platz im Innenraum zu bekommen, ohne ständig von allen Seiten halb erdrückt zu werden. Aber gut: Ausverkauft ist ausverkauft. 

Der Vorteil, wenn man allein ein Konzert besucht: Man muss sich nicht immer wieder durch die Menschenmassen zurück zu seiner Begleitung drängeln. Nachteil, man hat auch niemanden, der einen mit Getränken versorgt. Und wie bei jedem Konzert nervten auch hier wieder diejenigen, die sich einen Platz mit Blick auf die Bühne sichern - während der Vorband jedoch nur am Tratschen sind. Aber hey, diesmal traute ich mich, zu fragen, ob ich vor darf, um auch etwas von der Musik zu verstehen. So hörte ich das Getratsche immerhin nur noch hinter mir...

Die Vorband Fortuna Ehrenfeld gefiel mir im Vorfeld schon mit Songs wie "Zuweitwegmädchen" und "Hundeherz". Deshalb wollte ich den Anfang auf keinen Fall verpassen. Das lohnte sich! Zunächst schenkte sich der Sänger in aller Seelenruhe Wein aus der Flasche in eine Tasse ein. Dann legte er sich eine Federboa um den Hals und begann nahezu hymnisch mit "Gegen die Vernunft". Ganz ruhig war es auf der Bühne, der Schlagzeuger sang andächtig mit. Ein besonderer Moment. Nach gut 40 Minuten konnten mich Fortuna Ehrenfeld zwar nicht davon überzeugen ein komplettes Konzert von ihnen zu besuchen - die ruhigen Lieder, bei denen die Stimme besonders zur Geltung kam, gefielen mir aber sehr.

In der Umbaupause blieb genug Zeit, um frische Luft zu schnappen. Bis kurz nach neun dann das Licht ausging, die Projektion auf der Leinwand begann und Kettcar die Bühne betraten. Trostbrücke Süd. Die ersten Worte. Gefolgt von den ersten Takten. Mit einem Mal stand ich nicht mehr vor der Tür, sondern kurz hinter der Türschwelle im Innenraum mit Blick auf die Bühne. Und ich war seelig. Wie hatte ich es vermisst, diese Band live zu erleben. Es ist unbeschreiblich, was sie bereits in diesen ersten Sekunden in mir auslösten. 
  
 "Wenn du das Radio ausmachst, wird die scheiß' Musik auch nicht besser."

Erlangen zeigte sich vom ersten Song an wieder textsicher und bereits bei dieser Zeile wirkte es als würde man inmitten eines Chors stehen. Es folgten "Balkon gegenüber" und "Graceland". Es scheint mir nicht möglich meine Gefühle dabei in Worten auszudrücken - kurz: Mein Herz tanzte! Kettcar hatten es wieder mal geschafft, mich in ihren Bann zu ziehen.

Zwischen den Songs erzählte vor allem Reimer Bustorff von ihrem Tag in Erlangen. Von Briefkästen, in die nur Liebesbriefe rein dürfen und davon, dass er um 12 Uhr sein erstes Dosenbier auf dem Hugenottenplatz geöffnet habe und wusste: Das wird ein guter Abend. Wenige Minuten später erreichte ihn eine MMS aus dem Hamburger Büro, in dem ebenfalls schon fleißig Bier geleert wurde. Schnell klärte Marcus Wiebusch auf: Reimer hatte heute Geburtstag - und so sang der gesamte Saal "Happy Birthday" für ihn.

Über mich selbst erstaunt war ich als ich jedes Lied - bis auf eines vom neuen Album - nach wenigen Sekunden beim Namen nennen konnte. Leider wurden meine Notizen mit der gesamten Setlist im Laufe des Abends verschluckt und im Nachhinein bekomme ich nicht mehr alles zusammen, was gespielt wurde oder zumindest nicht die Reihenfolge. Dabei waren u. a. Wagenburg, Sommer 89, Benzin und Kartoffelchips, Tränengas im High-End-Leben, Kein Außen mehr, Ankunftshalle, Auf den billigen Plätzen, Deiche, Money left to burn... Nett war auch die Videoprojektion, die fast durchgehend lief. Von meiner Position wirkte sie jedoch weniger als vielleicht von einem Platz oben auf der Empore.

In Erinnerung blieb mir auch die Ankündigung der drei Liebeslieder am Stück, die Marcus Wiebusch mit "Emo Rock" betitelte. Gemeint waren: Rettung, 48 Stunden und Balu - wo der Chor hinter mir wieder wunderbar zur Geltung kam. Die Ansage zu "Im Taxi weinen" verpasste ich leider, weil ich es gegen zehn für ein halbes Lied doch kurz bevorzugte noch mal frische Luft zu schnappen. 

Als es auf das Ende zu ging, kündigte Marcus Wiebusch ein Hip Hop Cover an - eine witzige Umschreibung, wenn man bedenkt, dass "Der Tag wird kommen" ein Song aus seinem Soloalbum ist. "Ich danke der Academy" durfte natürlich auch nicht fehlen und noch viel weniger als offiziell letzte Zugabe: "Landungsbrücken raus". Leider wurde hinter mir so schief mitgesungen, dass ich diesen Song nicht so recht genießen konnte und mir sogar die Ohren zu hielt.

Nach drei Zugaben verschwanden Kettcar erneut von der Bühne. Der Applaus hielt an. Und tatsächlich: Kettcar kamen zurück: "Den Revolver entsichern" sollte nun wirklich ein Rausschmeißer sein, sagten sie, und um 22:45 Uhr war dann endgültig Schluss. Reimer bedankte sich sichtlich gerührt: "Danke, das bedeutet mir sehr viel".

Für mich war es ein rundum gelungenes Konzert mit einem nahezu perfekten Querschnitt aus allen fünf Studienalben. Die Akustik passte, die Stimmung auch - nur der ständige Durchgangsverkehr an der Tür nervte. Fazit: nochmal möchte ich keine viereinhalb Jahre bis zum Wiedersehen warten. Vielleicht war diese Zeitspanne aber auch heilsam, um sich wieder überraschen lassen zu können, welches Lied wohl als nächstes komme, welche Klassiker gespielt würden und wie die neuen Songs live wirkten. 

2017/12/02

Fiva & JRBB - E-Werk Erlangen (24.11.2017)

Ende Juli erlebte ich mit Fiva & JRBB die "beste halbe Stunde des Bardentreffens". Kurz darauf orderte ich Tickets für das Konzert in Erlangen, denn Fiva hatte es in dieser halben Stunde definitiv geschafft mich davon zu überzeugen, dass sich ein Konzert von Fiva & JRBB mehr als lohnt. 

Nun kamen wir halb neun im E-Werk an. Der Saal war schon gut gefüllt als bereits KLAN spielte. Die wenigen Eindrücke, die ich von der Vorband gewann, erinnerten mich einerseits an OK KID, andererseits konnte der Funke nicht so wirklich überspringen. Pünktlich um 21 Uhr trat die Jazz Rausch Big Band (JRBB) auf die Bühne und begann mit dem Intro. Auf der Empore hatten wir einen guten Blick auf die gesamte Bühne - beeindruckend, wie viele Musiker darauf ihren Platz fanden. 

Fiva überzeugte wieder mit ihrer Ausstrahlung, ihren klaren (Under-)Statements und ihrer lockeren Art. Und doch vermisste ich an diesem Abend etwas. Auf der Empore hatten wir eine gute Aussicht - war es das "Mittendrin statt nur dabei" Gefühl, das mir fehlte? Um das rauszufinden, ging ich zwischendurch die Treppe runter. Das Gefühl fand ich dort nicht ganz, dafür aber frischere Luft.

Im Sommer hatten wir über eine dreiviertel Stunde auf den Konzertbeginn gewartet und wurden mit einer halben Stunde abgespeist. Der Vorteil des Konzerts in Erlangen war, dass sie mehr zwischen den Songs erzählte, und jedes Lied vom Album spielte - sogar einen auf Erlangen individualisierten Freestyle legte sie ein. Fasziniert hat uns auch, wie das Zusammenspiel zwischen ihr, DJ und Jazzband harmonierte. Es steht eine gewisse Dramaturgie dahinter, ein Spannungsbogen wird aufgebaut bis zum Höhepunkt, der in der letzten Zugabe endet.

All das fiel beim Bardentreffen weg. Dort schaffte sie es von der ersten Sekunde - von null auf hundert - jeden im Publikum mitzureissen. Das war besonders und einzigartig. Auch Fiva hatte das Bardentreffen noch nicht vergessen und hielt an ihrem Versprechen fest, 2018 erneut dabei zu sein.