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2017/12/02

Fiva & JRBB - E-Werk Erlangen (24.11.2017)

Ende Juli erlebte ich mit Fiva & JRBB die "beste halbe Stunde des Bardentreffens". Kurz darauf orderte ich Tickets für das Konzert in Erlangen, denn Fiva hatte es in dieser halben Stunde definitiv geschafft mich davon zu überzeugen, dass sich ein Konzert von Fiva & JRBB mehr als lohnt. 

Nun kamen wir halb neun im E-Werk an. Der Saal war schon gut gefüllt als bereits KLAN spielte. Die wenigen Eindrücke, die ich von der Vorband gewann, erinnerten mich einerseits an OK KID, andererseits konnte der Funke nicht so wirklich überspringen. Pünktlich um 21 Uhr trat die Jazz Rausch Big Band (JRBB) auf die Bühne und begann mit dem Intro. Auf der Empore hatten wir einen guten Blick auf die gesamte Bühne - beeindruckend, wie viele Musiker darauf ihren Platz fanden. 

Fiva überzeugte wieder mit ihrer Ausstrahlung, ihren klaren (Under-)Statements und ihrer lockeren Art. Und doch vermisste ich an diesem Abend etwas. Auf der Empore hatten wir eine gute Aussicht - war es das "Mittendrin statt nur dabei" Gefühl, das mir fehlte? Um das rauszufinden, ging ich zwischendurch die Treppe runter. Das Gefühl fand ich dort nicht ganz, dafür aber frischere Luft.

Im Sommer hatten wir über eine dreiviertel Stunde auf den Konzertbeginn gewartet und wurden mit einer halben Stunde abgespeist. Der Vorteil des Konzerts in Erlangen war, dass sie mehr zwischen den Songs erzählte, und jedes Lied vom Album spielte - sogar einen auf Erlangen individualisierten Freestyle legte sie ein. Fasziniert hat uns auch, wie das Zusammenspiel zwischen ihr, DJ und Jazzband harmonierte. Es steht eine gewisse Dramaturgie dahinter, ein Spannungsbogen wird aufgebaut bis zum Höhepunkt, der in der letzten Zugabe endet.

All das fiel beim Bardentreffen weg. Dort schaffte sie es von der ersten Sekunde - von null auf hundert - jeden im Publikum mitzureissen. Das war besonders und einzigartig. Auch Fiva hatte das Bardentreffen noch nicht vergessen und hielt an ihrem Versprechen fest, 2018 erneut dabei zu sein.

2017/10/14

Shout out louds - E-Werk Erlangen (10.10.2017)

4 1/2 Jahr ist mein erstes Konzert von den Shout Out Louds her. Damals war ich eigentlich wegen der Mighty Oaks - als Vorband - nach Erlangen gefahren. Um dann festzustellen, dass die Shout Out Louds zu einer der besten Livebands zählen. "Nochmal, nochmal" rief eine Stimme in meinem Kopf, und wie dankbar bin ich mir selbst dafür, diesen Konzertblog vor fast fünf Jahren ins Leben gerufen zu haben, um mich im Detail an das Konzert der Shout Out Louds vom 22.03.2013 zu erinnern.

Diesmal erlebte ich das Konzert ein wenig anders. Zunächst war der Zugang zur Empore gesperrt. Ein Blick von oben auf die Bühne und damit auf die perfekt abgestimmte Lichtershow, die mich das letzte Mal so beeindruckt hatte, blieb mir somit verwehrt. Dafür hatte ich wohl eine der größten Shout Out Loud Fans an meiner Seite, womit von Vornherein klar war, dass wir uns in der ersten Reihe positionieren würden. An diesem Platz halte ich es normalerweise nur wenige Lieder aus, weil die Bühne in den meisten Clubs am Ende des Raumes ist und sich die Luft dort staut.

Im großen Saal des E-Werks ist das anders. Die Bühne ist dort, wo mein reinkommt, die Türen sind offen und man hat immer einen angenehmen Durchzug. So ergab es sich, dass ich das gesamte Konzert mittendrin, statt nur dabei erlebte. Vielleicht wäre die Akustik in der Mitte des Raumes teilweise besser gewesen, doch genoss ich es, die Mimik der Künstler hautnah zu beobachten - eben das ist mir von der Empore aus nicht möglich gewesen. Besonders die Keyboarderin Bebban Stenborg hatte es mir angetan. Diese kühle nordeuropäische Art. Mein Herz wurde ganz warm als ich sie immer mal wieder dabei erwischte, wie ihr ein Lächeln über die Lippen wich. Hach.



Aber von vorn: Pünktlich um 19 Uhr erreichten wir das E-Werk. Am Einlass erfuhren wir, dass der Support um 20 Uhr beginnen würde. So blieb genug Zeit in der Kellerbühne noch etwas zu essen. Etwas unglücklich, dass zum veganen Falafelburger Joghurtsauce gereicht wurde. Nichtsdestotrotz war der Burger sehr lecker und die Süßkartoffelchips wunderbar knusprig. Die Kellerbühne gefiel mir gut und ich bin etwas neidisch, dass mein Mann dort in diesem Jahr noch Faber erleben durfte, der beim nächsten Besuch im Februar kommenden Jahres dann schon den großen Saal füllen wird.

Nach dem Essen stürmten wir noch den Merchandise und kurze Zeit später betrat der Support The Hanged Man aus Stockholm die Bühne. Musikalisch passten sie gut zu den Shout Out Louds und auch wenn ich vereinzelt wahrnahm wie hinter mir Gespräche geführt wurden, wirkte das Publikum insgesamt recht aufmerksam und würdigte den halbstündigen Auftritt mit kräftigem Applaus. Verglichen mit dem Hauptact erzählten sie sogar recht viel zwischen den Songs, unter anderem auch von dem lohnenswerten Ausflug in die Botanischen Gärten Erlangens am Nachmittag.

In der Umbaupause holte ich Getränke an der Bar. Dort bot sich mir ein wirklich ungewohntes Bild für eine Veranstaltung in einem Club: in zwei Schlangen standen die jungen Menschen in Reih' und Glied. "Das habe ich hier ja noch nie erlebt" witzelte ein Konzertbesucher vor mir. Ein anderer sah mich völlig verständnislos an: "Was macht ihr hier?" - "Wir stehen an." - "Warum tut ihr das?" Ich schlug ihm vor, sich an der Schlange vorbei in der Mitte der Bar bedienen zu lassen, was er auch ohne zu Zögern tat. Denn der Barkeeper - vermutlich ebenso verwirrt über diese Ordnung - bediente auch außer der Reihe. Für mich war es toll zu sehen, dass beides funktionierte ohne dass sich irgendjemand ungerecht behandelt fühlte - ein sehr entspanntes Publikum.

Um 21 Uhr betraten dann die Shout Out Louds die Bühne. Los ging es mit Paola, eines der Lieder, das mich auf dem neuen Album bereits beim ersten Hören angesprochen hatte. In der ersten Reihe hatten wir bereits einen Blick auf die Setlist erhascht, und doch war ich positiv überrascht, als ich als zweites an den ersten Tönen Very loud erkannte. Hach. Als drittes dann - wie schon 2013 - Fall hard. Spätestens da war der Funke wieder vollkommen übergesprungen.

Nachdem bei Tonight I have to leave it endlich die geliebten Glocken ins Spiel kamen, folgten ein, zwei Lieder, mit denen ich weniger anfangen konnte. Leider wurde auch Ease my mind aus dem neuen, gleichnamigen Album nicht gespielt, vermutlich weil die Stimme von Bebban angegriffen war. Stattdessen kündigten sie das erste Lied an, das sie je geschrieben hatten. Auffällig war, dass die Band noch weniger zwischen den Songs erzählte als 2013. Mich störte es weniger: Mehr Zeit dem Publikum einen abwechslungsreichen Querschnitt der insgesamt 4 veröffentlichten Alben zu bieten.


Für die Zugabe kamen zunächst nur Adam Olenius und Bebban Stenborg auf die Bühne zurück, um das Duett Go Sadness zu spielen. Bei aller Perfektion der schwedischen Band, fand ich es sehr sympathisch als Adam sich einen Textpatzer erlaubte und Bebban ihm herzlich lachend auf die Sprünge half. Für das letzte Lied - Impossible - verließ Adam die Bühne, um sich mitten ins Publikum zu stellen. Immer wieder ein Highlight. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich nach dem ersten Konzert noch "geflashter" war. Vielleicht weil ich damals so völlig unvorbereitet und ohne Erwartungen das E-Werk betreten hatte - um dann von der Genialität dieser Band und ihrer spürbaren Leidenschaft dafür, auf der Bühne zu stehen, überrascht zu werden.

Nach dem Konzert fand sich die Band am Merchandise wieder, um zu verkaufen, zu signieren und ins Gespräch zu kommen. Da ich vorwiegend Clubkonzerte besuche, ist dies an sich nichts ungewöhnliches für mich. Bei weltweit bekannten Künstlern und bei einer Saalgröße wie im E-Werk habe ich diese Publikumsnähe jedoch selten erlebt. Meine Begleitung wurde vom Gitarrist Carl von Arbin als "Our UK connection" getauft, weil sie extra von der Insel eingeflogen war und dort schon einige Freunde für die Shout Out Louds begeistern konnte.

Immer noch bin ich fasziniert, dass die Shout Out Louds auf ihrer kurzen Deutschland-Tour ausgerechnet in Erlangen gespielt haben - neben den Metropolen München, Leipzig, Berlin, Köln und Hamburg sticht Erlangen schon irgendwie heraus. Mir soll es recht sein - und nachdem die Regionalbahn nun nur noch 9 Minuten von Fürth nach Erlangen braucht, werde ich ein Konzert in Erlangen wohl demnächst wieder öfter ins Auge fassen.

 

Patrick Richardt - Wohnzimmerkonzert (08.10.2017)

Kurz bevor sich bei mir das Gefühl einschlich, dass es nun erstmal genug mit Wohnzimmerkonzerten bei uns Zuhause sei, stand Patrick Richardt vor der Tür. Bumm. Wieder so ein Mensch - und Künstler - der uns gezeigt hat, warum es das wert ist, was wir hier machen.

Ganz unabhängig von seiner Musik stach er heraus, weil er sich die Zeit nahm, sein Publikum kennenzulernen - vor und nach dem Konzert, die kleinen wie die großen Gäste. Wobei das Wort "herausstechen" fast irreführend ist. Er stellte sich nicht in den Mittelpunkt, eher wirkte er unscheinbar oder viel mehr wie ein guter alter Freund, der auf einen Sonntag abend mal wieder vorbeischaut, um sich zu erkundigen, wie es so geht. Und hätte er diese Frage gestellt, dann wäre es keine Floskel gewesen, nein, er schien wirklich interessiert, und zu jeder Zeit authentisch.

Mit Patrick Richardt war zudem das erste Mal ein Künstler in unseren vier Wänden zu Gast, von dem ich hier vorab schon einmal ein komplettes Konzert erlebt hatte: Am 1. März 2013 begleitete mich Dirk von Flockes Plattenkiste ins Lux Hannover, weil Christian krankheitsbedingt ausgefallen war. Inzwischen hat Patrick sein zweites Album herausgebracht und kündigte Ende August eine kleine Solo-Tour an, für die er noch nette Gastgeber suchte. Zwar war Franken auf seinem Tourplan nicht zu finden, doch weil ich bei dem Wort Wohnzimmerkonzert immer hellhörig werde, zögerte ich nicht ihn trotzdem zu kontaktieren. Prompt antworte er mir - was für ein schönes Geschenk pünktlich zu meinem 30. Geburtstag - und schlug mir den 8. Oktober vor.

Auf meinen Wunsch spielte Patrick auch einige Lieder aus seinem Debütalbum "So, wie nach Kriegen". Zwischen den Liedern ließ er uns ein wenig an seinem Leben teilhaben und erzählte etwas zur Entstehung seiner Songs, wovon mir vor allem die Geschichte des "Bruchpiloten" in Erinnerung geblieben ist. Und während er seine Lieder eher als traurig beschrieb, schien er doch irgendwie erfreut über den Kontrast, den die fröhlich im Wohnzimmer spielenden Kleinkinder gegenüber der Melancholie boten. Passend zu seinem aktuellen Album "Soll die Zeit doch vergehen" erfüllte Patrick Richardt knapp über eine Stunde den Raum mit seiner Musik - inklusive Zugaben. Bescheiden bat er das Publikum den Eintrittspreis nicht zu genau zu nehmen.

Jeder könne in den Hut werfen, was er mag. Gerne auch weniger als die von mir auf einer Notiz neben der Spardose vorgeschlagenen 10 bis 15 Euro. Diese Orientierung hatte ich mir von Eva Croissant abgeschaut. Ich muss zugeben, dass ich bis dahin keine Ahnung hatte, was bei einem Wohnzimmerkonzert so üblich sei. Als Gastgeber liegt es mir jedoch sehr am Herzen, dass sich Aufwand und Anreise für die Künstler finanziell lohnen - schließlich ist es die Musik, mit der sie ihr Geld verdienen. Unsere Freunde wissen das, und würden den Hut wohl auch ohne Vorgabe großzügig befüllen. Trotzdem beruhigt diese Klarheit mein Gewissen als Gastgeber ungemein. Gleichzeitig fühlt es sich gut an, einen Künstler zu Gast zu haben, für den der Kommerz nicht an erster Stelle steht. So bleibt der Charme eines Wohnzimmerkonzerts erhalten.

Etwas über vier Stunden nach seiner Ankunft - pünktlich um 17 Uhr entdeckte ich bereits seinen Bully im Hinterhof - machte sich Patrick am Abend langsam auf den Weg zurück in die Heimat. Eigentlich sehr schade, denn er wäre wohl auch so Kandidat gewesen mit dem mein Mann am nächsten Tag noch durch den Wiesengrund spaziert und über das Leben - oder auch nur über norddeutsche Kneipenkultur - sinniert hätte wie 2014 mit Olli und Tim von byebye. Auch wie er auf Augenhöhe mit unserem Sohn Paul kommunizierte, gefiel mir und weckte Erinnerungen an die Herzlichkeit von Liza. Seine Gründe nicht über Nacht zu bleiben, waren nachvollziehbar und sehr persönlich. Für mich ist es sehr besonders einen Künstler, den man zuvor mehr oder weniger unnahbar auf der Bühne erlebt hat, mal von einer ganz anderen Seite kennenlernen zu dürfen.

Zum Abschied erzählte er mir noch, dass er ein Kinderlied geschrieben habe, und sehr an dem Projekt "Unter meinem Bett" interessiert sei. Oh, wie schön wäre es, ihn nächstes Jahr auf der vierten Ausgabe dieses Samplers zu entdecken. Irgendwie stellt man sich das als Musikfan oft so einfach vor, in der Musikbranche kennt doch jeder irgendwie jeden. Und doch liegen immer wieder Steine auf dem Weg. Patrick Richardt wünschen wir alles Gute - dass er mit seiner Leidenschaft für Musik Geld verdienen kann ohne sich verstellen zu müssen.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen auf der kommenden Tour.

2017/09/22

Keston Cobblers Club - MUZclub Nürnberg (14.09.2017)

"Kennt die jemand von euch?", fragte Dirk von Flockes Plattenkiste in die Runde. Nie gehört, dachte ich. Doch schnell war mein Interesse geweckt als ich die Beschreibung des Veranstalters las:
"Was den Keston Cobblers' Club ausmacht? Das ist etwas ganz Spezielles, etwas Unverwechselbares. [...] Es ist dieses ganz bestimmte Gefühl, das sich in dir breit macht, wenn du diese Band live erlebst. [...] Ihre auf Folklore basierenden Songs, die gekonnt mit modernen Sounds vermischt werden, machen diese Band zu einer unglaublichen Liveband." (MUZclub)
Die Erwartungshaltung war also hoch, habe ich doch schon viele fantastische Live-Bands erlebt und auf Herzklangbar darüber berichtet. Die Neugier, ob meine Erwartungen erfüllt werden könnten, trieb mich an und so fand ich mich an einem Donnerstag Abend Mitte September pünktlich um 20:30 Uhr im MUZclub wieder. Viel Publikum hatte sich vor der Bühne noch nicht versammelt als Julia Laura als Vorband die Bühne betrat. Eine starke Stimme, die es sich lohnt im Hinterkopf zu behalten. Eine gute halbe Stunde stellte sie ihre Songs auf der Gitarre vor. Danach folgte einer dieser lästigen - ja, ohne Begleitung empfinde ich es so - Umbaupausen ohne Umbau.

Kurz nach halb zehn - der Raum hatte sich inzwischen gut gefüllt - kam der Keston Cobblers' Club von draußen rein: Vier Männer und eine Frau versammelten sich an und zwischen den zahlreichen Musikinstrumenten. Unwillkürlich erinnerte ich mich an einen meiner ersten Besuche im MUZclub: 2009 bei Billie the vision and the dancers waren vermutlich noch mehr Bandmitglieder auf der Bühne, doch die bunte Vielfalt an Musikinstrumenten war ähnlich beeindruckend.

Sängerin Julia übernahm mehr oder weniger das Entertainment zwischen den Songs, wobei ihre männlichen Mitstreiter immer wieder dazwischen riefen und ihren Kommentar abgaben. Sehr schnell zeigte Julia, dass sie auch ein paar Worte auf deutsch gelernt hat: "Wir haben ein neues Song." Das Publikum half liebevoll bei der korrekten Übersetzung. Nach dem neuen Lied klärten ihre Bandkollegen auf, dass das Lied bereits fünf Monate alt sei und sie gestand ihr Talent, sich keine Daten merken zu können. Authentisch, witzig, gut gelaunt - mir gefiel das Quintett richtig gut.

"Complements for free" und "Freie Liebe" warfen sie in den Raum, fragten "Möchtet ihr tanzen?", schlugen vor, das dies jeder mit seinem Nebenan tun sollte und tanzten den Paartanz auf der Bühne vor. Auch zum Mitsingen animierten sie - mit einem "Vorsicht" erinnerte Julia das Publikum an ihren Einsatz und lobte es anschließend mit "Gut gemacht". Sie coverten "Graceland" von Paul Simon, und immer wieder kam die Tuba - neben vielen anderen Instrumenten - zum Einsatz, welche für mich besonders herausstach und mich in den Bann zog. Ja, ich gebe zu, in der Konzertankündigung wurde nicht zu viel versprochen. Der spontane Besuch hat sich definitiv gelohnt.

2017/09/03

Gisbert zu Knyphausen - Sparrenburg Bielefeld (20.08.2017)

2 Übernachtungen in der Stadt, die es nicht gibt: 125 Euro. 
2 Pastel de Nata und ein Espresso (fast) wie in Lissabon: 6 Euro. 
1 Sonnenaufgangskonzert auf der Sparrenburg mit Gisbert zu Knyphausen und meinen beiden besten Männern: Unbezahlbar.

Dialog des Tages: "Das sollten wir öfter machen." "Uns morgens um 6 Uhr bei 12 Grad auf die nasse Wiese legen?" Ich sag' ja, ich sag ja, ja, ich will.

Dieser fast schon lyrische Beginn beschreibt sehr passend die besonderen Umstände dieses Konzerts. Mitte April erfuhr ich bereits von dem geplanten Sonnenaufgangskonzert von Gisbert zu Knyphausen auf der Sparrenburg in Bielefeld. Der erste Gedanke war: "Da muss ich hin." Doch schnell meldete sich die Vernunft zu Wort: Die Distanz zwischen Bielefeld und Fürth war einfach zu groß, niemand schien so verrückt wie ich eine nächtliche Tour in Erwägung zu ziehen. Dennoch rief ich immer wieder die Website des Veranstalters auf, und überlegte wie es doch realisierbar wäre.

Laut dem Veranstalter "Bunker Ulmenwall" war der Eintritt kostenlos, jedoch dürfe nur einer begrenzten Personenanzahl Einlass gewährt werden. Um sich Zugang zum Konzert zu sichern, hatte jeder - ob Einwohner von Bielefeld oder nicht - die Möglichkeit an einer Verlosung teilzunehmen. Am 10. Juli 2017 wurde das Formular freigeschaltet und was soll ich sagen: Ja, natürlich habe ich mich registriert. Denn ich hatte einen Deal mit meinem Mann ausgemacht: Würde das Auswärtsspiel seines Heimatvereins auf einen Freitag oder Samstag gelegt werden und wir Karten für das Sonnenaufgangskonzert gewinnen, dann würden wir ein Wochenende in Bielefeld verbringen. Sollte einer dieser Faktoren nicht zutreffen, so würden wir Zuhause bleiben. 

Bald war klar: Der FSV Zwickau würde am Freitag gegen Meppen spielen. Immer wieder aktualisierte ich die Website des Bunker Ulmenwall, um herauszufinden, ob die Gewinner schon benachrichtigt wurden. 9 Tage vor dem Konzert öffnete ich mein E-Mail-Postfach und siehe da:

LIEBER FRÜHAUFSTEHER, NACHTSCHWÄRMER ODER SONNENTÄNZER!

Du hast zwei Freitickets für das Sonnenaufgangskonzert mit Gisbert zu Knyphausen am 20. August 2017 auf der Sparrenburg Bielefeld gewonnen und erhältst freien Eintritt zur Veranstaltung!

Was für ein Glück. Auf der Facebookseite wurde dann noch weiter kommuniziert, dass kein - wie ursprünglich geplant - spontaner Einlass gewährt werden könne, da die Nachfrage zu groß war. Diese Änderung der "Spielregeln" führte bei vielen Fans zu großer Enttäuschung. Doch ganz ehrlich: Wenn ich fest eingeplant habe nach Bielefeld zu fahren, weil ich unbedingt zu diesem Konzert auf der Sparrenburg möchte, dann nehme ich wenigstens an der Verlosung teil, um die Chance auf einen sicheren Einlass zu haben. Für mich ist die Sicherheits-Entscheidung der Veranstalter angesichts der Nachfrage von über 1500 Besuchern absolut nachvollziehbar.

Auch unabhängig vom Konzert hat sich das Wochenende in Bielefeld mehr als gelohnt: Am Freitag hatte ich Gelegenheit, Freunde vom Studium nach über drei Jahren im Nichtschwimmer wiederzusehen. Samstag schlenderten wir gemütlich über den Wochenmarkt, kamen an der Geniale am Rathaus vorbei und tranken leckeren Kaffee im Coffee Store. Um 13 Uhr konnten wir dann unsere Freitickets am Bunker Ulmenwall abholen, denn nur damit würden wir Zutritt erhalten. Meiner Meinung nach war das wunderbar organisiert: An 4 Tagen hatten die Gewinner zu arbeitnehmerfreundlichen Zeiten die Möglichkeit die Tickets abzuholen, wodurch der Einlass Sonntag früh relativ flüssig voran ging.

Aus der Innenstadt liefen wir durch den Wald in den Heimat-Tierpark Olderdissen. Ein Angebot für die ganze Familie - unabhängig vom Geldbeutel, denn im Gegensatz zu anderen Tiergärten ist der Eintritt hier kostenlos. Wir verbrachten die meiste Zeit mit unserem Wirbelwind und Freunden aus Dortmund am Spielplatz. Ein paar Tiere konnten wir auch beobachten, besonders die Ziegen ließen sich im Streichelzoo sehr geduldig von unserem Sohn nach seiner Regel "Eins nach dem anderen" füttern. Zurück in die Stadt ging es mit dem Bus, wo wir glücklicherweise in der Kartoffelbar landeten. Dort schien grad eine Familienfeier stattzufinden, und unser Zweijähriger mischte sofort in der Spielecke bei den anderen Kindern mit, sodass wir recht entspannt zu Abend essen konnten. Zum Abschluss suchten wir vor dem Regen noch Zuflucht im Café Alfama wo uns der Chef persönlich warme Pastel de Nata servierte und unser Sohn durch das Restaurant tanzte.

Viel später als geplant, landeten wir im Bett im Charly's House, schliefen unruhig - ich aus Angst zu verschlafen, mein Mann vielleicht eher aus Angst ich würde es nicht tun. Ja, so wirklich konnte ich ihn bisher noch nicht von der Musik überzeugen. Dennoch standen wir beide bereitwillig auf als kurz vor fünf der Wecker klingelte. Mein Sohn durfte noch ein bisschen in der Trage vor sich hin schlummern, während wir uns auf den etwa halbstündigen Weg zur Sparrenburg machten. Als wir den Niederwall entlang liefen, war er dann plötzlich da, dieser magische Moment: Gisbert's unverwechselbare Stimme erklang mitten durch die Dunkelheit von der Sparrenburg hinunter zur menschenleeren Hauptstraße - wie im Traum lauschten meine Ohren dem Soundcheck.

Nach dem nächtlichen Spaziergang auf die Sparrenburg - meine Kondition wurde selten so früh am morgen auf die Probe gestellt - gesellten wir uns pünktlich halb sechs zu der Menschenschlange vor dem Einlass. An dieser Stelle nun tatsächlich ein Kritikpunkt an die Organisation. Bestimmt gibt es eine nachvollziehbare Erklärung für die Verzögerung, doch ganz ehrlich: Den Einlass um 05:30 Uhr ankündigen, den Beginn um 6 Uhr und die Leute dann über eine halbe Stunde vor der Tür warten lassen - ist um diese Uhrzeit echt nicht witzig. Hätte man doch gut eine halbe Stunde versuchen können länger zu schlafen, wenn man gewusst hätte, dass das Konzert sogar erst halb sieben beginnt. Restkarten, die nicht abgeholt wurden, waren an einem kleinen Zelt neben dem Einlass auch noch verfügbar, sodass letztendlich doch noch wenige Spontanbesucher die Chance hatten dabei zu sein, und die vorgeschriebene Kapazität der Stadt Bielefeld bis auf den letzten Platz ausgefüllt wurde.

Und dann saßen wir da. Auf unseren Picknickdecken. In der Kälte, leider nicht warm genug angezogen, nicht gut genug mit Decken ausgestattet, dafür mit Muffin und Kaffee in der Hand. Am 20. August hätte man sich wahrlich einen wärmeren Sonnenaufgang ausgemalt, doch von dem Moment an als Gisbert zu Knyphausen die kleine Bühne betrat, konnte ich die Kälte für knapp eineinhalb Stunden ein wenig vergessen. "Mein Name ist Gisbert zu Knyphausen." Wenn ich nur seine Stimme - ungekünstelt und bescheiden - höre, wird mir schon ganz warm ums Herz. Wenn er dann noch beginnt auf seiner Gitarre zu spielen und diese berührenden Texte zu singen, die einfach nur unter die Haut gehen, ist es ganz um mich geschehen. Beeindruckend hat mich an diesem Sonntagmorgen noch jemand: Karl Ivar Refseth begleitete Gisbert am Vibraphon und verlieh den mir bekannten Liedern - insbesondere Dreh dich nicht um - auf diese Weise einen neu- und einzigartigen Klang.

Zwischen den Liedern erzählte Gisbert nicht viel, jedoch mehr als ich von den vergangenen Konzerten gewohnt war. Er kommentierte das Wetter ("Jetzt fängt es auch noch an zu regnen. So eine Scheiße. Wo ist der Sonnenaufgang, der mir versprochen wurde?"), seine Textpatzer ("Vorhin war ich noch so wach.") und seine Liedauswahl ("Zwei Trennungslieder hintereinander..."). Neben seinen eigenen Songs sang er drei Lieder, die er zusammen mit Nils Koppruch als Kid Kopphausen veröffentlicht hatte. Bei Das Leichteste der Welt war ich gespannt wie er solo am Ende das Schlagzeug und den Bass erzeugen würde, wartete darauf, dass der Vibraphonist wieder dazu kommen würde - aber nein, Gisbert hat die verschiedenen Instrumente genial mit seiner Gitarre imitieren können, und sang noch eine Strophe auf Englisch, aus der ich nicht raus hörte, ob es sich um ein Cover handelte. Einen eigenen Song auf Englisch bot er mit Teheran ebenfalls dar - diesen hatte er im Zuge seiner Reise mit dem Goethe Institut geschrieben. Mit Durchreise coverte er einen Song von Nils Koppruch, der im Oktober 2012 verstorben ist. 

Viel zu früh kündigte er den letzten Song an. Auch wenn noch Zugaben folgten, war es mir persönlich ein zu kurzer Querschnitt durch seine drei eigenen Alben und das von Kid Kopphausen. Aber hey - mal unabhängig von den Kilometern, die wir zurückgelegt hatten und den dadurch entstandenen Kosten - der Eintritt war frei und somit erlebten wir definitiv ein unbezahlbares Konzert. Auf Tour hätte ich wohl schon den Anspruch, einige mehr Lieder aus den ersten Alben zu hören. Gleichzeitig bin ich neugierig auf das dritte Album, das Ende Oktober veröffentlicht wird. Denn besonders beim letzten Lied über einen Mittwoch kurz vor dem Herbst, kam wieder durch, was ich an Gisbert so schätze: Er schafft es mich mit seinen Worten voller Poesie auf eine Reise zu nehmen - zu den tiefgründigen Geschichten, die er erzählt.